Abriss Rathaus Ratingen – neue Perspektiven

Die Bäume sind von Staub bedeckt.
Die Bäume sind von Staub bedeckt.

Eigentlich sollte ich nicht so oft zum Rathaus Ratingen gehen und beim Abriss zugucken. Immerhin war auch ich einer der Gegner des Rathausabrisses wie über die Hälfte der Bevölkerung dieser Stadt und hatte 2mal in einem Bürgerentscheid für den Erhalt unterschrieben.

Wenn ich daran denke, dass die Politik das Volk so über das Ohr gehauen hat, bin ich nachwievor verärgert. Auch ich hab 2mal ein Formular zum Bürgerentscheid unterschrieben, dass ich dafür bin, das alte Rathaus Ratingen zu erhalten statt es abzureißen und neuzubauen. 2mal wurde gefeiert, dass mit ordentlicher Mehrheit das Volk keinen Rathausabriss wollte.

Und nun das: Das ganze Jahr über zieht sich nun der Abriss hin. Da wird nicht gesprengt und Ende aus. Das ist ein langwieriges und geplantes Vorgehen. Und langwierig und geplant war wohl auch, uns Bürger so über das Ohr zu hauen. Und die teuerste Lösung des Rathausproblems sollte durchgesetzt werden, nämlich Abriss und Neubau.

Rathaus Ratingen – nur der westliche Trakt ist noch stehengeblieben.

Und doch gehe ich immer wieder hin zum Gucken. Erst jetzt im Spätsommer sieht man jeden Tag eigentlich deutliche Fortschritte beim Abriss. Der Ostflügel ist inzwischen ganz weg. Und auch der Mitteltrakt fast ganz. Nur noch der westliche an den Ratstrakt (der erhalten bleibt) anschliessende Trakt ist noch übriggeblieben.

Tag für Tag war ich nun mehrmals da. Und da habe ich geguckt und Fotos gemacht. An die 100 Bilder habe ich auf meine Homepage gestellt. Ausgerechnet nächste Woche, wo der letzte Teil dran ist, muss ich arbeiten. Dann bekomme ich wohl nicht mit, wie der letzte Trakt abgerissen wird.

Andere Bausünden aus den 60er Jahren bleiben selbstverständlich erhalten.

Es ist sicher aber besser so, dass ich mal innehalte. Viel zu sehr war ich angetan von immer neuen Bildern des Verfalls, des ja so nüchtern geplanten und auch durchgeführten Abrisses. Ich mache mich ja so fast gemein mit einer Sache, die ich immer abgelehnt hatte. So scheusslich dieses Rathaus war und so unsensibel es in diesen alten Ratinger Ortskern eingebaut wurde. Man muss nicht immer gleich Bausünden abbauen. Denn man hätte selbst das Ratinger Rathaus erhalten können. Denn mit unzähligen anderen Bausünden aus den 60er Jahren muss man ja auch weiterleben, mit Schulen, Krankenhäusern, Wohnhäusern, ja ganzen Stadtvierteln wie der Ratinger „Trabantenstadt“ West. Dort ist die größte zusammenhängende Wohnanlage Europas, der Lindwurm. Und da sind die ebenfalls grottenhäßlichen einstigen Papageienhäuser (jetzt heißen die luxusrenoviert und weiß angestrichen Himmelshäuser). Selbstverständlich konnten die erhalten bleiben.

Neue Perspektiven auf das Minoritenkloster und Gebäude der Ratinger Altstadt sind aber schon faszinierend.

Aber ich muss einräumen, das mich die durch den Abriss sich ständig offenbarenden neuen Perspektiven auf das Minoritenkloster, die evangelische Stadtkirche, weitere Häuser in der Innenstadt, sogar ein Miniwäldchen an der Rathausrückseite faszinieren. Die Technik des größten Baggers Deutschlands mit seinen innerhalb kurzer Zeit wechselbaren Greifarmen interessiert und fasziniert mich dabei weniger. Das ist ja nur eigentlich ein brutales und trauriges Geschäft, was dieses orangene Monstrum als Erfüllungsgehilfe einer betrügerischen Politik verrichtet. Aber die neuen Perspektiven auf die freiwerdende Umgebung haben es in sich.

Und die Kontraste zur jetzt im Hochsommer so üppig wachsenden und von niemandem mehr aufgehaltenen Natur in den natürlich Anfang des Jahres gerodeten Beeten vor dem Rathaus sind reizvoll. Und selbst der für Anwohner oder auch das an der Rathausrückseite befindliche griechische Restaurant mit dem zuletzt stets verstaubten Biergarten ärgerliche, unvermeidliche fast schneeweiße Staub fasziniert. Fein hat sich dieser trotz ständigem Wasserspritzen auf die Abrisstelle auf umliegende Häuser, Bäume, Sträucher niedergelassen. Und er wirkt tatsächlich ein bisschen wie Schnee, surreal…

Einfach auf eins der Bilder klicken, dann öffnet sich die Fotostrecke:

Text/Fotos: Ernst Käbisch

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