Biblisches Vergnügen auf dem Sinai

Am Sinai atmet jedes Sandkorn Geschichte.

Lasttier
By: ccarlstead

Ein Ruf wie Donnerhall: „Careful, Camel!”. Zögernd weicht das kleine Grüppchen zur Seite. Mit kurzen, leichten Peitschenhieben und einem seltsamen Schnalzen mit der Zunge, das an das Schlürfen einer Tasse Tee erinnert, treibt Ramon, der Führer, die Kamele an den vor Anstrengung schweratmenden Gestalten vorbei. Und schon hat uns wieder die Nacht verschluckt. Seit einer guten Stunde schaukeln uns zwei Kamele Serpentine um Serpentine dem Gipfel des Gebel Musa näher. Jenem bizarren, 2200 Meter hohen Granitkoloß im Zentralsinai, auf dem Moses die Zehn Gebote Gottes empfangen haben soll – korrekter: drei Gebote und sieben Verbote. Seitdem pilgern tagein, tagaus Menschen aus der ganzen Welt in der Dunkelheit hier hoch, weniger aus religiösen Motiven, sondern vielmehr um ein grandioses Schauspiel zu erleben: den Sonnenaufgang über den Gipfeln des Sinai. Sie kommen zu Fuß, oder auf dem Rücken eines Kamels – zumindest ein Gutteil des dreistündigen Aufstiegs. Denn die letzten der 720 steil ansteigenden, unregelmäßigen Steinstufen schaffen selbst die gelenkigsten Kamele nicht.

Aus allen Löchern krabbeln Touristen am Berg Moses

Auch wir haben die Wüstenschiffe auf dem Rastplatz des Mittelplatteau zurückgelassen und hangeln uns nun über die Treppen nach oben, gespenstisch angeleuchtet vom matten Licht, das Abermillionen Sterne spenden. Der Sinn für die Romantik und Mystik dieses Augenblicks ist der Autorin allerdings bereits nach den ersten 200 Stufen abhanden gekommen. Statt dessen: je höher wir klettern und je kürzer der Atem wird, desto magischer wird die Anziehungskraft der notdürftig zusammen gezimmerten Hütten, in denen Beduinen den erschöpften Kletterern heißen Tee und einen Ruheplatz anbieten.

By: Magic Nights Book

Gegen fünf Uhr morgens taucht vor uns schemenhaft die Dreifaltigkeits-Kapelle auf. Geschafft. Während sich unser Führer vor dem eisigen Wind in der Hütte seines Bruders verkriecht, suchen wir nach einem stillen Plätzchen. Vergebens. Aus allen Löchern krabbeln plötzlich müde Touristen, schälen sich aus ihren Schlafsäcken, strecken ihre eingefrorenen Knochen und bitten bei Mehmed um eine Tasse Tee. Keine Spur von ehrfürchtiger Stille, als das erste Orangerot, das hinter einer schwarzgeränderten Wolke hervorblinzelt, einen unvergleichlichen Blick auf ein Meer von Berggipfeln freigibt. Der Berg Moses ist heutzutage sicher nicht mehr der richtige Ort für Einkehr und Besinnlichkeit. Er ist vielmehr ein touristisches Muss, auf das man auf dieser Halbinsel zwischen dem Mittelmeer, dem Golf von Suez und Akaba nicht herum kommt. Die reinen Sonnenanbeter mögen es vielleicht nicht wissen: Doch am Sinai atmet jedes Sandkorn Geschichte. Bereits in der Antike spielte dieser Landkeil, der sich vor 35 bis 45 Millionen Jahren durch das Abdriften Arabiens von Afrika formte, eine wichtige Rolle. Nach dem die ägyptischen Pharaonen ein Straße von Shur bis Beersheba und Jerusalem errichtet hatten, schlugen später die Römer und Nabatäer eine Trasse von West nach Ost, und so mutierte die Landzunge bereits zur damaligen Zeit zu einem der wichtigsten Knotenpunkte für Expeditionen zwischen Ost und West.

Über 2000 Heiligenbilder sind im Katharinenkloster aufbewahrt

Das Katharinenkloster am Sinai
Katharinenkloster
Foto von: Britrob

Bedeutender ist die Rolle des Sinai jedoch in der Geschichte des Christentums. Überlieferungen zufolge soll hier um 1300 vor Christi der mutige Moses die Israeliten aus Ägypten herausgeführt haben, aus Furcht vor der Unterdrückung und der Versklavung durch einen der Pharaos. Vierzig Jahre soll die Wanderung durch die Wüste gedauert haben. Und hier am Sinai sprach Gott auch zu Moses, wie die Bibelschreiber berichten: „Moses aber führte das Volk aus dem Lager hinaus, Gott entgegen, und sie stellten sich am Fuß des Berges auf. Und der ganze Berg Sinai rauchte, weil der Herr im Feuer auf ihn herabkam… Und der Herr rief Mose auf den Gipfel des Berges, und Mose stieg hinauf” (Exodus 19,17-20).

Der Sinai, die zehn Gebote Gottes und Moses – das ist aber auch der brennende Dornbusch am Katharinenkloster, dem ältesten Kloster der Christenheit. Wie eine Trutzburg klebt es in 1570 Metern Höhe im Tal Jethro, bewacht von den Felswänden des Berg Moses und dem Megafa-Gebirge. Father John, ein Grieche aus dem Kloster Athos führt uns durch die Anlage, die den Namen eines Mädchens aus Alexandria trägt, das während der Christenverfolgung zu Beginn des vierten Jahrhunderts einen Märtyrertod starb und später als Heilige verehrt wurde. Der Mönch zeigt uns den Brief Mohameds – ein Schutzschreiben des Propheten für das Kloster – und führt uns durch die frühbyzantinische Basilika, die im Jahre 527 etwa zur gleichen Zeit errichtet wurde wie der Schutzwall. Der Weg durch die Galerie dahin ist mit düsteren Ikonen geschmückt.

By: Britrob

Über 2000 Heiligenbilder sind hier aufbewahrt, die größte Einzelsammlung der Welt. In fließendem Englisch erläutert uns Father John das Innere der Kirche, weist auf das herrliche Mosaik über dem Kirchenchor hin, zeigt uns den Marmorverkleideten Altarraum und führt uns schließlich wieder hinaus, in die geheimnisumwitterte Bibliothek, die Normalsterblichen sonst verschlossen bleibt. An die 3000 Bücher und Manuskripte vom dritten bis zum 19. Jahrhundert lagern hier in meterhohen Regalen und hinter vollklimatisierten Vitrinen. Der kostbarste Schatz aber bleibt uns verborgen: der Codex Syriacus des Lukasevangeliums aus dem fünften Jahrhundert wird im Tresor vor Terroranschlägen geschützt.

Die Perle Sharm el Sheikh liegt am südlichsten Zipfel der Halbinsel Sinai

By: ollie harridge

Der Sinai ist schließlich ein heißes Pflaster. Es sollte Jahrzehnte dauern, bis der Tourismus dieses spröde Eiland entdeckte.  Heute relaxen dort die wohlhabenden Bürger aus der Hauptstadt Kairo – und natürlich die Freunde des Wassersports aus der ganzen Welt. Gerade diese Reviere zwischen Dahab am Golf von Aqaba und Sharm el Sheikh mit dem legendären „Blue Whole” zählen zu den berühmtesten Tauchrevieren der Welt.

Unter der Oberfläche des Roten Meeres ist die Welt sozusagen noch in Ordnung. An Land kommt man angesichts der hochfliegenden Pläne der Tourismusverantwortlichen ins Grübeln. Die Perle Sharm el Sheikh am südlichsten Zipfel der Halbinsel breitet sich explosionsartig aus. Hektische Bauaktivitäten zeugen vom Ehrgeiz der Ägypter. Das Ziel der Verantwortlichen ist klar: eines nicht mehr fernen Tages soll Sharm el Sheihk den gleichen Stellenwert haben wie Nizza oder St. Tropez. Ein junger Beduine aus El Tur, Sitz der Verwaltung des südlichen Sinai, hat dazu seine ganz eigene, unmissverständliche Meinung. „Einerseits finde ich die Idee nicht schlecht”, gibt er zu. „Damit werden für uns jede Menge Jobs geschaffen. Andererseits zerstört man vielerorts die Natur. Und damit bin ich nicht einverstanden.”

By: prilfish

Selbst in der Einöde des Berg Sinai findet sich in 2000 Metern Höhe reichlich Zivilisationsmüll – Plastikflaschen, Coladosen und Papierfetzen werden hinter den Felsen versteckt – obwohl der Weg vorbildlich von Abfallbehältern gesäumt wird. Angesichts von soviel Gedankenlosigkeit hilft nur die Flucht in die Wüste zum Nachdenken. Wir fahren mit unserem Führer Richtung Blaue Wüste, in der ein höchst skurriles Werk Neugierige anlockt. Auf einer unendlichen Sandfläche, die in der Ferne von Gebirgszügen begrenzt wird, sorgen Blaue Felsbrocken erst einmal für Stirnrunzeln. Hier bemalte der belgische Aktionskünstler Jean Vername als Symbol für den 1979 geschlossenen Friedensvertrag zwischen Ägypten und Israel großflächig auf 14 Quadratkilometern Felsbrocken in Blau – der Farbe des Friedens. Dann pflügen wir weiter durch radhohen Sand und campieren schließlich im Rücken eines bizarren Felsens – über uns das unendliche Sternenmeer. Ein Erlebnis, das nur ein arabisches Sprichwort beschreiben kann: „Der Weg zur Macht führt durch die Paläste, der zum Reichtum durch die Basare. Der Weg zur Weisheit aber führt durch die Wüste.”

Mit freundlicher Genehmigung von Christophorus, dem Porsche Magazin.

NÜTZLICHE INFORMATIONEN

Der Sinai hat das ganze Jahr über Saison, wobei die Sommermonate extrem heiß sind – an der Südküste bis 40 Grad Celsius. Wer in der Winterzeit das Landesinnere bereist, sollte sich allerdings auf sehr kalte Nächte einstellen. Die Temperaturen sinken deutlich unter zehn Grad.

DIREKTFLÜGE

Airberlin (www.airberlin.com) fliegt 2014 einmal wöchentlich direkt von Köln nach Sharm el Sheikh. Direktflüge werden auch von Wien oder von Zürich angeboten.

VISUM

Deutsche Staatsangehörige benötigen für die Einreise ein Visum. Das Visum wird gegen eine Gebühr von 22 Euro von der Ägyptischen Botschaft ( www.egyptian-embassy.de)

in Berlin und den Generalkonsulaten in Frankfurt und Hamburg ausgestellt. Es kann auch bei Einreise nach Ägypten kostenpflichtig erworben werden. Derzeit beträgt die Gebühr 15 USD (bzw. entsprechender Gegenwert in EUR).

SICHERHEIT

Aktuell ist laut der einheimischen Bevölkerung mit keinerlei Gefahren zu rechnen. Dennoch ist es ratsam, sich vor der Buchung immer auf den neuesten Stand zu bringen, zum Beispiel beim Auswärtigen Amt:
www.auswaertiges-amt.de/DE/Laenderinformationen/00-SiHi/AegyptenSicherheit.html?nn=363090#doc363010bodyText3

GESUNDHEIT

Bitte informieren Sie sich dazu beim Auswärtigen Amt, Reise- und Sicherheitshinweise Ägypten, Rubrik Medizinische Hinweise.
www.auswaertigesamt.de

ZAHLUNGSMITTEL

Ägyptische Pfund; in allen größeren Hotels, Souvenierläden kann getauscht werden. Die Autovermietungen akzeptieren auch Kreditkarten.

SPORT

Das Rote Meer ist eines der faszinierendsten Tauchreviere der Welt. Tauch- und Schnorchelausrüstungen können überall gemietet werden. Wichtiger Hinweis noch für Frauen: Bitte nicht vergessen, dass Sie sich trotz aller Toleranz der Ägypter in einem islamischen Land befinden. Deshalb bitte entsprechend kleiden.

Titelfoto ©: Endlisnis

1 KOMMENTAR

HINTERLASSEN SIE EINE ANTWORT

Please enter your comment!
Please enter your name here