„Kalkofen, Kalkofen… hier ist kein Kalkofen!“

Von dem "Bleiweiher" im Druchter Wald vermuten viele, daß er der vollgelaufene Schacht Drucht ist.

In ausführlichen Artikeln werden in der (Ratingen-)Lintorfer Heimatzeitschrift Quecke die ehemaligen Lintorfer Kalkwerke im heutigen Duisburg-Rahm behandelt. Es gab auch hier wie am Ratinger Blauen See neben dem Kalksteinbruch mehrere Kalkbrennöfen. Und dort wurde der geförderte Kalkstein direkt gebrannt.

Heute morgen steht das Tor zu dem einsam und leerstehenden Fachwerkhaus an der Bissingheimer Straße offen. Ein Auto mit Düsseldorfer Kennzeichen ist vor dem Haus abgestellt. Das ist ungewöhnlich, weil in dem stilvollen Haus wohnt derzeit niemand. Und es ist seit längerem schon zum Verkauf ausgeschrieben. Bisher habe ich auf dem umzäunten Grundstück aber noch nie Menschen gesehen.

Aber wer will auch schon so wohnen abseits der Städte? Duisburg-Rahm ist das hier, aber zum Ortskern von Duisburg-Rahm ist es noch viele Kilometer weit weg. Näher ist es da bis nach Ratingen-Lintorf, wenn man z.B. einkaufen muss. Aber besonders Ämterbesuche dürften von hier aus eine sehr umständliche Angelegenheit sein. Auch schulpflichtige oder kindergartenpflichtige Kinder hätten täglich eine weite Anreise.

Kalkofen, Kalkofen…

Es war nicht immer so, daß hier quasi die Welt zuende ist; bis 1929 gehörte das Gebiet zum viel näheren Lintorf wie der ganze umgebende Wald in der Lintorfer Mark bzw. im Druchter Wald. Jetzt gehört ein Teil dieses großen Waldgebiets zu Duisburg und ein anderer Teil zu Mülheim an der Ruhr. Das Gebiet ist durch viele Besonderheiten geprägt: ehemaliges Bergbaugebiet; hier sollte in der Nazizeit einmal das Strafarbeiterlager Lintorf 2 entstehen; unweit von eh. Kalkwerk und eh. Zeche ist die Rehaeinrichtung eines kirchlichen Trägers „Maria in der Drucht“, die wie das freistehende Haus mitten im Wald gelegen ist. Früher war diese Einrichtung ein Kinderheim und davor vom Ende des zweiten Weltkriegs bis 1950 lebten Flüchtlinge aus den deutschen Ostgebieten in „Maria in der Drucht„.

Viele Legenden ranken um dieses Waldgebiet. In zahlreichen Foren im Internet schaukeln sich Spekulationen und regelrechte Verschwörungstheorien gegenseitig hoch. Weitere Aspekte, die für diesen Wald Bedeutung haben, werden da gerne erörtert: Es gab hier auch Bunkeranlagen und angeblich Flakstellungen aus dem Krieg; es kam zu Kampfhandlungen; ein bekannter Offizier kam in den letzten Kriegswirren in diesem Wald ums Leben.

Eine Zeitlang existierte mitten im Druchter Wald ein kleiner Friedhof mit 5 Gräbern, 4 Gräber waren für verstorbene Ostflüchtlinge aus „Maria in der Drucht“ und ein Grab war für ein Heimkind des späteren Kinderheims, was infolge eines Blinddarmdurchbruchs verstarb und keine Angehörigen hatte. Inzwischen ist dieser Friedhof aufgelöst und die Gräber sind auf Friedhöfe der Stadt Duisburg umgelagert.

Lintorfer Erzzechen

Oft schon war ich hier und habe mir im Wald die noch reichlich vorhandenen Reste der ehemaligen Lintorfer Erzzechen angeguckt. Es gibt in flacher Landschaft bis zu 10 Meter hohe Halden, wozu die tauben, bei der Förderung der Erze anfallenden Gesteinsreste aufgetürmt wurden. Natürlich sind diese Halden, obwohl auch blei-, kupfer-, zinkhaltig, inzwischen dicht mit Wald bewachsen. Es gibt Pingen d.h. eingesackte Stellen im Waldboden, wo früher ein Schacht war, der nach Zechenschliessung zwar zugeschüttet wurde, aber nachgesackt ist.

Es gab  im Druchter Wald die 3 erzfördernden Hauptschächte Loman, Heinrich und Catharine und mehrere Nebenschächte und Erkundungsschächte wie den Schacht Drucht, den ich inzwischen vielleicht 100 Meter östlich von dem „Bleiweiher“ verorten kann, aber viele Spekulationen ranken sich besonders um diesen aber einst wohl nicht so bedeutungsvollen Schacht.

Der „Bleiweiher“ neben Schacht Drucht und gegenüber dem einsam stehenden Haus ist ein entengrützebedeckter Teich und es kann als wissenschaftlich gesichert angesehen werden, daß er nicht der vollgelaufene Schacht Drucht ist, sondern ein vollgelaufener ehemaliger Kalksteinbruch. Wie im nahen Ratingen am Blauen See gab es auch direkt neben diesem Kalksteinbruch Kalköfen, wo der Kalkstein direkt gebrannt wurde. Diese Kalköfen suche ich nun zu früher Tageszeit hier im Wald nach der Beschreibung „unmittelbar rechts neben dem Haus an der Straße“.

„Kalkofen, Kalkofen.. Hier gibt es keinen Kalkofen!..“

„Kann ich Ihnen helfen?“, ruft mir jetzt eine ältere Frau von der Bissingheimer Straße aus zu, als ich nach eher erfolgloser Suche aus dem Waldstück rechts neben dem unzäunten Gelände mit dem Haus wieder herauskomme. Erst will ich mich überhaupt nicht dazu äussern, weil die Frau mich etwas giftig anguckt, aber sie fragt energisch nach: „Was machen Sie hier? Wo kommen Sie her? Sie kommen mir verdächtig vor!“ Als ich dann doch widerwillig sage, daß ich nach den Kalkbrennöfen suche, stößt sie noch böser guckend die Worte heraus: „Kalkofen, Kalkofen.. Hier gibt es keinen Kalkofen! Ihr Gesicht merke ich mir und wenn ich Sie auf frischer Tat ertappe, ….“

Der ganze Druck der vermutlich Eigentümerin dieses abgelegenen eigentlich stilvollen aber sicher in dieser Lage  schwer verkäuflichen Fachwerkhauses entlädt sich in diesen herausgepressten Worten auf mich. Aber was habe ich damit zu tun? In den Wald gehen darf ja wohl jeder. Was ziehen manche Leute auch irgendwo hin, wo sie sich nicht dafür interessieren, was für eine Geschichte so ein Ort hat? Ich überlege zwar, ob ich sie noch auf die Erzzeche ansprechen soll (immerhin wohnte der Betriebsleiter von Schacht Loman am Teufelshorn einstmals in diesem Haus in der Drucht) oder auf das zum Glück ja nicht realisierte Strafarbeiterlager, aber wenn sie schon das ehemalige Kalkwerk hier nicht kennt, wird sie davon vermutlich noch weniger wissen und sich erst recht provoziert fühlen.

Ratlos und kopfschüttelnd gebe ich meine heutige Suche nach den Kalköfen auf. Mehr als ein paar bemooste Ziegelsteine auf dem Waldboden habe ich davon bisher nicht entdeckt.

Weitere Informationen

Ausführliche Informationen zu den Kalkbrennöfen im Druchter Wald in Duisburg-Rahm sind in dem Artikel „Faszination Kalk – Begegnung mit einem unbekannten Gestein“ in der vom Verein Lintorfer Heimatfreunde herausgegebenen Zeitschrift „Die Quecke“, Ausgabe Nr.77 von 2007 auf Seite 52-61 zu finden. Autor ist der Vorsitzende des Ratinger Heimatvereins Herr Michael Lumer.

Einfach auf eins der Bilder klicken, dann öffnet sich die Fotostrecke:

Text/Fotos: Ernst Käbisch

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