Nachts in Marl

Zechenwohnhäuser auf der Victoriastraße in Marl
Zechenwohnhäuser auf der Victoriastraße in Marl

von Ernst Käbisch

Zuletzt wurde Ende 2015 die Zeche Auguste Victoria in Marl als vorletzte Ruhrgebietskohlenzeche geschlossen. Aber auch, wenn 2018 die letzte noch aktive Steinkohlenzeche in Bottrop mal dicht ist, werden weiter Bergleute im Ruhrgebiet sich um die Ewigkeitsaufgaben des Ruhrbergbaus zu kümmern haben. So einige dieser Bergleute treffe ich auf der Jahresfeier des BGVR in Marl, zu der ich auch eingeladen wurde.

Es ist selten, dass ich mal nachts so weit ins Ruhrgebiet fahre. Und eigentlich mache ich das sonst nie. So ist das für mich jetzt natürlich ein Blick in eine mir etwas fremde Welt. Obwohl ich inzwischen das Ruhrgebiet gut kenne, ist das so. Dann aber ist es auch so, dass ich diese Welt ja mag und gut finde. Also macht es mir jetzt nicht einmal etwas aus, dass es nun spätabends ein wenig beginnt zu regnen.

So gebe ich dann in Marl-Sinsen am Bahnhof aber den Plan auf, noch zu Schacht 6 zu gehen. Denn da schon im Norden der Stadt steht ein Schachtturm, den ich von der letztes Jahr geschlossenen Zeche Auguste Victoria noch nicht kenne bzw. nur einmal von der Autobahn aus im Vorbeifahren gesehen habe. Dafür gehe ich nun schon im Dunkeln und mit etwas Nieselregen ins Zentrum von Marl hinein. Und eher als ich erwartet habe, sehe ich rechts von mir an der Victoriastraße erst einen und dann beide der zwei Fördertürme von der längst stillgelegten Schachtanlage 1/2.

Zeche AV Schachtanlage 1/2 in Marl

Also schade ist ja, dass die nicht beleuchtet sind. Denn das würde spektakulär aussehen. Schon der scherenschnitthafte Eindruck der beiden stilvollen Fördertürme jetzt im Dunkeln ist spektakulär. Immerhin wirkt das Gewerbegebiet um die alten Zechengebäude gepflegt und die ganze Schachtanlage scheint optimal restauriert. Man hat hier mit der Zeche gerne gelebt und findet die Zechenschliessung schade. Das ist überall in dieser Stadt zu spüren.

Und nun ist es soweit, dass ich zur Party vom BGVR, „Bergbauarchäologischer Verein Ruhr e. V.“, gehen kann. Also ich bin schon gespannt, wie das so sein wird. Immerhin treffe ich da mal auf ehemalige Bergleute bzw. sogar auf Bergleute, die es geschafft haben, trotz der Schließung ihrer Zechen weiter in ihrem Berufsfeld arbeiten zu können. Und was ist dagegen schon mein laienhafter Hintergrund, dass ich mich zwar für den Altbergbau interessiere, aber da sehr spät zu gekommen bin und z.B. noch nie untertage war.

Schon prallen da zwei Welten aufeinander. Dann ist es aber so, dass ich nett empfangen werde und dass sich durchaus das eine oder andere Gespräch ergibt. Immerhin interessieren mich ja die Themen und daher bin ich akzeptiert. Und die meiste Zeit höre ich aber gespannt zu.

Im Schlehbuscher Erbstollen

Besonders interessant ist, was mein Sitznachbar zu erzählen hat. Und er hat sogar einen gerade gestern veröffentlichten ganzseitigen Zeitungsartikel über seine Aktivitäten im Schlehbuscher Erbstollen mitgebracht. Ich erzähle, dass ich bisher nur den Besucherstollen Nachtigallstollen in Witten kenne. Genau so müsse ich mir das da vorstellen. Außerdem steht dieser längste Stollen im Ruhrgebiet, der sich von Wetter bis nach Sprockhövel erstreckt, aber hüfthoch voller Wasser.

Immerhin über 12 Kilometer lang ist der Schlehbuscher Erbstollen und er hat viele Abzweigungen. Und nur mit Spezialkleidung und gut ausgerüstet kann man da überhaupt hinein gehen. Mein Sitznachbar kennt sich da inzwischen gut aus. So kennt er auch all die Gefahren z.B. mit schlechtem Wetter. Und das heißt, dass sich im Stollen gefährlich hohe Konzentrationen von CO2 bilden können. Außerdem kann es immer wieder vorkommen, dass ein Gang einstürzt. Und natürlich kann man durch das Wasser nur im dichten Spezialanzug mit festem Schuhwerk waten. Immerhin ist er Familienvater und darum bemüht, alle Gefahren für sich möglichst klein zu halten.

Ewigkeitsaufgaben des Ruhrbergbaus

Er und auch die anderen an der Party teilnehmenden scheinen leidenschaftlich damit beschäftigt zu sein, in Zusammenarbeit mit Behörden alte Bergwerksanlagen zu überprüfen, zu überwachen und wo nötig, umzubauen. Und das sind wichtige Aufgaben. Denn man muss sich ja nur mal vorstellen, wie durchlöchert das Ruhrgebiet nach jahrhundertelangem Abbau der Kohle ist. Wenn z.B. nicht ständig Grubenwasser abgepumpt wird, würde der ganze Ruhrpott zu einem riesigen See zulaufen.

Dann voller neuer Eindrücke verlasse ich die Party, die wegen zahlreicher derzeit auch stattfindenden St.Barbarafeiern diesmal nicht so gut besucht war wie sonst, wie mir der Gastgeber erklärt hatte. Mit einer Regionalbahn fahre ich nach Essen zurück. Und hier gucke ich mir noch ein wenig die jährlich stattfindenden Essener Lichterwochen an. Denn das ist etwas, was ich mir schon als Kind gerne angeguckt hatte. Dafür sind wir in der Vorweihnachtszeit von Ratingen aus oft nach Essen gefahren. Und hier fühle ich mich wie zuhause.

Zuerst auf eins der Bilder klicken. Dann öffnet sich die Fotostrecke:

Text / Fotos: Ernst Käbisch

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