Neutral-Moresnet – einstmals kleinstes Land der Welt

Erinnerung an den Bergbau in Neutral-Moresnet
Erinnerung an den Bergbau in Neutral-Moresnet

von Ernst Käbisch

Einstmals existierte der autonome Staat Neutral-Moresnet anstelle der heutigen ostbelgischen Stadt Kelmis / frz.: La Calamine. Inzwischen ist das aber nur noch eine Fußnote der Geschichte. Obwohl es natürlich interessant ist, dass es hier am heutigen Dreiländereck bei Aachen und Vaals lange noch so einen vierten Staat gab. Weil das Vereinigte Königreich der Niederlande und Preußen und später das Königreich Belgien konnten sich einst nicht über die Grenzziehung in der Region einig werden.

Also am letzten Wochenende war ich ja zu Besuch in Ostbelgien in Kelmis und Plombières. Und da hatte ich mich über einige seltsame Informationen auf Schildern und Denkmälern und dergleichen gewundert. Zuerst konnte ich die Vielzahl an Informationen über Orte wie Moresnet, Plombières-Moresnet, Preußisch-Moresnet, Neu-Moresnet, Kelmis-Neu-Moresnet oder Neutral-Moresnet allerdings nicht verstehen und einordnen. Denn im Internet hatte ich nur herausgefunden, dass hier die Gemeinde Kelmis / frz.: La Calamine ist und dass der Ort früher Altenberg hiess. Dann aber ist das alles über Neutral-Moresnet ja schon leicht im Netz nachlesbar und recherchierbar.

Der autonome Mini-Staat Neutral-Moresnet

Denn von 1815 bis 1919 existierte genau hier, wo ich im jetzt ostbelgischen Ort Kelmis die noch vielfältigen Relikte der Zinkgrube Schmalgraf besichtigte, der kleinste Staat Europas bzw. sogar der ganzen Welt. Und zwar konnten sich hier das Vereinigte Königreich der Niederlande und Preußen nicht drüber einig werden, an welches Land Moresnet mit seinen reichen Bodenschätzen an Galmeierz gehen sollte. Den Staat Belgien gab es damals noch gar nicht. So entstand zwischen den Orten Plombières-Moresnet in den Niederlanden und Preußisch-Moresnet in Preußen der autonome Mini-Staat namens Neutral-Moresnet.

So war das neue Land zwischen Plombières-Moresnet und Preußisch-Moresnet zwar nur 3,4 Quadratkilometer gross. Und zur Zeit seiner Gründung wohnten hier nur 256 Menschen. Dennoch wurde das Gebiet um das winzige Dorf Altenberg zollfreie Zone. Und die Steuern waren niedrig. Weil es keine Wehrpflicht gab, zogen viele Männer hierhin. Denn als Bürger von Neutral-Moresnet mussten sie dann nicht zum Militär in ihren jeweiligen Heimatländern. Weiter entstanden in Neutral-Moresnet zahlreiche illegale Schnapsbrennereien. So florierte der Handel mit Alkohol und der Schmuggel in die Nachbarländer. Dann grenzte Neutral-Moresnet im Norden an den Vaalserberg. Und das ist der mit 322 Metern größte Berg der europäischen Niederlande. Also genau hier südlich von Aachen und beim niederländischen Grenzort Vaals am heutigen Dreiländereck zwischen Belgien, den Niederlanden und Deutschland existierte noch dieser vierte Staat. Und in Vaals soll noch heute die Straße „Viergrenzenweg“ an das einstige Unikum Neutral-Moresnet erinnern.

Aus Neutral-Moresnet wird Kelmis / La Calamine

Dann erst nach dem 1. Weltkrieg fand das Kuriosum ein Ende. Und Neutral-Moresnet wurde im Jahr 1919 dem Gouvernement Eupen-Malmedy zugesprochen. So wurde es und zwar ja erst lange nach der Gründung des Staates Belgien im Jahr 1830 zu einem Teil dieses Landes. Neutral-Moresnet bzw. Altenberg wurde in Kelmis (französisch: La Calamine) umbenannt. Schon ohne diesen geschichtlichen Hintergrund ist diese Region kurz hinter der Grenze bei Aachen in mehrfacher Hinsicht eigenartig und interessant. Denn z.B. lebt hier in Kelmis und in 8 anderen Orten in Ostbelgien auch die deutschsprachige Minderheit des Landes.

Gerade hier, wo es so viele Grenzen gibt, verlaufen sich doch im Grunde wie in einem Schmelztiegel die Sprach- und die Ländergrenzen. Und die jeweiligen Nationalitäten und Sprachen sind nicht mehr entscheidend für die Kommunikation der Menschen. Außerdem gab es in Neutral-Moresnet einst auch Bestrebungen, hier einen Esperantostaat zu errichten. Allerdings scheiterte der Versuch. So ist auch längst die Tatsache des einstigen autonomen Staates Neutral-Moresnet für die Menschen hier nur noch eine skurrile Fußnote. Dennoch ist es ja interessant, daran einmal erinnert zu werden. Und ebenso ist es interessant, in diesem Gebiet mit den so vielen Namen und den vielen Sprachen so viele Informationen über den Jahrhunderte betriebenen Bergbau zu finden. Und das ist hier sogar vorbildlich immer mehrsprachig auf den vielfältigen Infotafeln. Immerhin war das in Neutral-Moresnet geförderte Galmeierz wichtig für die Produktion von Messing. So wurde das Erz von hier aus nach ganz Europa exportiert.

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