Notizen aus der Provinz: Abriss eines Rathauses

Notizen aus der Provinz: Abriss eines Rathauses
Die Rathausruine in Ratingen
von Ernst Käbisch

Schon mit ihrem Rathausprojekt orientiert sich die Stadt Ratingen eher an Großstädten mit auch sündhaft teuren Bauprojekten wie Stuttgart 21 oder dem Berliner Flughafen. Und dabei sind das doch nur Notizen aus der Provinz mit Ratingen als einer typischen Provinzstadt. Immerhin wird die 93.000 Einwohner zählende Stadt in kommunalen Angelegenheiten sogar aus der noch viel kleineren Kreisstadt Mettmann regiert.

Und nun fahre ich doch mit dem morgens nur stündlich fahrenden Bus 749 um halb 8 nach Mettmann. Denn schliesslich kommt der Bus aus Düsseldorf-Kaiserswerth. Und die Kaiserswerther Straße ist morgens meist zu wegen dem Berufsverkehr. So habe ich nun eine Stunde Zeit, um mich noch etwas in der Kreisstadt umzugucken. Schon letztens war ich mit dem Fahrrad hier, um zu gucken wo das Amt überhaupt ist. Und ich entdecke aber nicht viel Neues. Denn die kleine Stadt ist ja ziemlich überschaubar. Trotzdem ist es aber schön hier.

Notizen aus der Provinz: Von der Kreisstadt Mettmann in die Fastgroßstadt Ratingen

Und in der viel größeren Stadt Ratingen, die von Mettmann aus ja in kommunalen Angelegenheiten regiert wird, finden sich natürlich auch viele idyllische Ecken. Schon besonders ist das so in den 1975 zur kommunalen Neugliederung eingemeindeten Dörfern. Und aber auch in der wie eine Kleinstadt wirkenden Kernstadt ist es idyllisch. Denn erst durch die Eingemeindungen wurde Ratingen einwohnermässig fast zur Großstadt.

Dann gibt es in einer solchen verhältnismäßig großen Stadt eben auch den Steuerzahler ungemein viel Geld kostende Schildbürgerstreiche. Und die orientieren sich ganz an mißglückten oder jedenfalls alles andere als reibungslos laufenden Projekten in Großstädten wie dem Stuttgarter Bahnhofsneubau oder dem Berliner Flughafenbau oder der Hamburger Elbphilharmonie. Denn ein solches inzwischen unnötig sündhaft teuer gewordenes Projekt ist der Neubau des Ratinger Rathauses bzw. ja erst mal der Abriss des alten Rathauses.

Abriss des Rathauses

So wurde in den 60er Jahren nun mal gebaut. Und mit viel Beton und wenig bis gar keinem ästhetischem Gefühl. Denn das Ratinger Rathaus war immer ein optischer Schandfleck in der Stadt. Und doch wirkten all die Argumente der Neubaubefürworter immer vorgeschoben. Denn die so hohe PCB-Belastung liesse eine Sanierung des maroden Gebäudes nicht mehr zu, hiess es. Und was ist mit all den Schulen, Kirchen, Bibliotheken, anderen öffentlichen Gebäuden, die in den 60er Jahren gebaut wurden? Sollen die auch alle abgerissen werden? Und was ist mit den eilig hochgezogenen Plattenbausiedlungen wie im Ratinger Bezirk West, wo inzwischen 20000 Menschen wohnen?

Endlich haben sich in Sachen Rathaus doch und das gegen den in 2 Bürgerentscheiden ausgedrückten Willen der Bevölkerung die Neubaubefürworter durchgesetzt. Und nein, nicht nur Siedlungen wie die einstmals unsere in der Philippstraße reißt man in dieser Stadt ab. Denn auch unser Rathaus muss nun abgerissen werden, damit ein Neues gebaut werden kann. Es lässt sich nicht mehr ändern. Aber es wird so sein, dass über viele Jahre Chaos in der Stadt ist wegen der Baumassnahmen. Alle Amtsstellen mussten umgelagert werden. Über Abriss und Neubau werden viele Jahre vergehen. Und das Geld, was in dieses Projekt fliesst, wird für die Renovierung von Schulen, Turnhallen und vielen anderen öffentlichen Einrichtungen fehlen. Das „alte“ Rathaus hätte mit ein bisschen guten Willen durchaus erhalten bleiben können.

Einheit der GSG 9 führt Übungen in der Rathausruine durch

In einer wöchentlich erscheinender kostenlosen Zeitung in Ratingen entdecke ich noch eine Anekdote über das inzwischen ja leerstehende, aber noch nicht abgerissene Rathaus.Die für den Abriss beauftragte Firma hatte es einer Einheit der GSG 9 erlaubt, in der Rathausruine Übungen durchzuführen. Und so müssen morgens Bürger der Stadt in Rathausnähe durch in schwarze Kampfkleidung bekleidete Mitglieder der GSG 9 erschreckt worden sein. Es wären sogar Schüsse gefallen. Empört hat sich der Bürgermeister bei der Abrissfirma beschwert und dafür gesorgt, dass diese Übungen sofort aufhören.

Der uralte Trinsenturm im erhalten gebliebenen Teil der mittelalterlichen Stadtmauer Ratingens im Schatten der Rathausruine würde sicher den Kopf schütteln, wenn er könnte.

Einfach auf eins der Vorschaubilder klicken, dann öffnet sich die Fotostrecke:

Text/Fotos: Ernst Käbisch

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