Verlorene Symbole, verlorene Identität

Alles ist weg.
Alles das ist inzwischen weg. Abgerissen.
von Ernst Käbisch

Bei so einem radikalen Strukturwandel wie im Ruhrgebiet mit der sich in Nichts auflösenden Montanindustrie passieren eben solche Dinge: Da reisst eine Stadt (Mülheim an der Ruhr) alle Erinnerungen an die Bergbauzeit ab und bereut das später und andere Städte lernen aber nicht aus diesen Fehlern. Aktuell ist es die Stadt Duisburg, die nicht nur eins der markantesten Symbole des Ruhrgebiets, den Hochofen 4 der ThyssenKrupp-Hütte, sondern gleich den halben Bezirk Bruckhausen mit abreisst. Beschauliche Strassenzüge voller Gründerzeithäuser verschwinden unwiederbringlich.

Es sind zwar nicht meine Symbole und es ist auch nicht meine Identität. Aber ich vermisse schon immer wieder mal so ein Symbol der Montanindustrie bei meinen Streifzügen durchs Ruhrgebiet. Das war jetzt schon mehrmals so, dass ich bei einem zweiten Besuch an einem interessanten Ort im Ruhrgebiet feststellen muss, da fehlt doch etwas.

Markante Symbole der Montanindustrie sind z.B. Zechenfördertürme

Zweimal war es ein Zechenförderturm, der sich mir auf unaufdringliche, aber trotzdem offenbar nachhaltige Weise eingeprägt hatte und der nun einfach weg ist.

In Duisburg-Walsum hatten wir mal die Rheinfähre gesucht, die Walsum mit Rheinberg-Orsoy verbindet. Es sah auf der Karte nicht sehr weit aus, aber in der Realität haben wir einen großen Fussweg durch das Industriegebiet in Duisburg-Walsum gemacht, bis wir endlich den Rhein sahen. Auf dem Weg dahin mussten wir natürlich um das riesige Gelände des Walsumer Kraftwerks gehen, auf dem auch die immerhin noch bis 2008 fördernde Steinkohlenzeche Walsum stand.

Eindrucksvoll fand ich 2 Zechenfördertürme, wo oben einfach KOHLE draufsteht. Typisch Ruhrgebiet, hatte ich noch gedacht; da werden Dinge benannt, wie sie eben sind, schnörkellos und geradewegs. Wir sind dann mit der Fähre ins beschauliche Rheinberg-Orsoy hinüber zum Niederrhein gefahren und haben uns dort in dem idyllischen Dorf zu Kaffee und Kuchen hingesetzt und wie so oft gestaunt über starke Kontraste im Ruhrgebiet. Hier sind gigantische Industriekulissen eines unglaublich grossen Kraftwerks mit Relikten einer Zeche und nur quasi eine Ecke weiter ist ländliche Idylle am Niederrhein.

Trotz Denkmalschutz wurde der Förderturm der Zeche Lohberg in Dinslaken abgerissen.

Ein Jahr später will ich mir die so markante Zeche noch einmal genau angucken und fahre gezielt dorthin – natürlich nehme ich die Kamera mit; diesmal will ich Fotos davon machen. Aber ich suche (fast) vergebens. Dann realisiere ich, dass dieser mickrige kleine Turm, der da verloren auf dem Kraftwerksgelände steht, der zweite und kleinere Förderturm der Zeche Walsum ist. Tatsächlich sehe ich jetzt, da steht ja KOHLE obendrauf, wie ich es aber viel klarer und deutlicher in Erinnerung habe.

Meine Erinnerung täuscht mich nicht. Tatsächlich ist der andere Förderturm in der Zwischenzeit abgerissen worden. Ich bin zu spät gekommen und kann kein Bild mehr davon machen.

Der zweite mir fehlende Zechenförderturm war in Dinslaken bei der Zeche Lohberg, die ich an einem kalten Wintertag besuchte. Ich war sehr angetan von dieser schönen Zechenanlage mit den 2 erhalten gebliebenen Fördertürmen und hatte aber auch gelesen von der Absicht der neuen Besitzer, diese abreißen zu lassen trotz Denkmalschutz. Ein Jahr später, wo ich auf dem Weg nach Hünxe bin, komme ich an dem ehemaligen Bergwerk vorbei. Der zweite Förderturm ist weg. Das ist der kleinere, aber schönere. Wie kann man denn so ein Kleinod abreissen? Ich verstehe es nicht.

Der verschwundene Hochofen 4, der Grüngürtel Duisburg-Nord

Verstehen kann ich ja irgendwie noch, dass der Hochofen 4 wegmusste. Ich fahre extra dahin nach Duisburg-Bruckhausen, um dieses „Ruhrgebietssymbol“, wie es in den Zeitungen genannt wird, noch zu sehen und auf Fotos festzuhalten. Ein Jahr später ist der Hochofen weg, aber auch ein großer Teil der Dieselstraße für den geplanten „Grüngürtel Duisburg-Nord“. Nein, das finde ich aber nicht ok. Ok, so ein Hochofen ist ja nicht eigentlich „schön“ und erhaltenswert. Und es wurde ja auf dem Hüttengelände auch ein neuer errichtet.

Der ist bunt und markant und wie der alte von weitem zu sehen. Aber gleich einen ganzen Stadtteil abzureissen mit zum Teil wunderbaren Mietshäusern aus der Belle Epoque, unersetzbare Denkmäler und das nur für so eine mächtige Stahlhütte? Nein, das sollte nicht sein, das nimmt den Menschen die Identität und selbst wenn dieser Grüngürtel nett wird und natürlich von den Menschen gebraucht wird, da sie ja durch die Hütte schwer an den Rhein kommen, so darf man mit den Menschen doch nicht umgehen. Das wird sicher etwas seelenloses.

eine Seilscheibe der Zeche Alstaden

Wie aber macht man es richtig? Im Ruhrgebiet ist alles eben voll mit diesen nicht mehr gebrauchten Hütten, Zechen, Kokereien, Fördertürmen. Man kann natürlich nicht alles erhalten, aber man sollte auch nicht alles abreissen wie die Mülheimer das gemacht hatten, als ihre Zechen 1966 schon alle dicht waren. Alles haben die radikal abgerissen; nichts ist übrig geblieben und jetzt vermissen viele die Erinnerungen daran.

Die Nachbarstadt Oberhausen hilft mit einer Seilscheibe der Zeche Alstaden aus, die die Mülheimer zur Erinnerung in einen Kreisverkehr stellen und zum Kulturhauptstadtjahr 2010 (!, nach 44 Jahren) wird in Dümpten in einem Park eine Lore mit Gedenktafel an die Zeche Sellerbeck aufgestellt.

In Dortmund hat man es bei den Phönixwerken vielleicht richtiger gemacht. Phönix West ist erhalten geblieben und rostet weiträumig eingezäunt eindrucksvoll vor sich hin und wo Phönix Ost war, ist jetzt der Phönixsee.

Einfach auf eins der Bilder klicken, dann öffnet sich die Fotostrecke:

Text/Fotos: Ernst Käbisch

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